Berühren und berührt werden

  • Berühren und berührt werden

    Berühren und berührt werden

    » Was berührt mich? Lasse ich mich (noch) berühren? Von wem lasse ich mich berühren? Wie tief hinein berührt mich etwas? «

    Seit sechs Monaten bin ich im Ruhestand. Zeit für mich. Zeit für Muße. Zeit, um nachzudenken: Was war das denn die letzten 35 Jahre, was ist über mich hinweggerollt? Habe ich als Hautarzt einen guten Job gemacht? Habe ich meine Ziele erreicht, hat mich mein Beruf glücklich gemacht?

    In der Rückschau sehe ich dankbar die „Alten“, die Galionsfiguren der Dermatologie: Otto Braun-Falco, Walter Lever und Stephanie Jablonska, die ich kennen lernen durfte. Hans-Jürgen Bandmann, der mein wichtigster Lehrer war, und Theo Nasemann, der noch 1982 in Wien die letzte Damenrede auf einer DDG hielt.

    Ich bin aber auch ein Bindeglied zwischen den Welten der Dermatologie. Schmierräume auf den Stationen und in den Ambulanzen, die von Cignolin verbrannt und mit Arningscher Tinktur, Sol. Castellani, dem wunderbaren Brilliantgrün, und Sol. Pyoktanini, zu einem Kunstwerk wurden, tauchen in meiner Erinnerung auf. Adeps suis und andere leckere tierische Fette waren neben den Abkömmlingen der Erdöldestille unser tägliches Werkzeug. Keine Spur von Aciclovir oder anderen feinen Medikamenten. Tkt. Eichhoff und Steinkohleteer waren die wohlriechenden Helfer der Zeit. Nachdem das gute alte Vioform ausgedient hatte, kam Triclosan als vorübergehende Erscheinung, ist mittlerweile als schädigend erkannt und wir freuen uns über die Mikrosilberprodukte.

     

    In den vielen Jahren hat sich aber noch viel mehr geändert:

    Menschen entdeckten zunehmend ihre Haut als Visitenkarte, das Außen wurde immer wichtiger. Kollektive Gesellschaftsneurosen sind entstanden. Die Werbung gibt uns vor, wie Mann aber vor allem Frau auszusehen hat.

    Zunehmend sind die Menschen mit Ihrer Haut und Schönheit unzufrieden. Denn attraktive Menschen werden als glücklicher, zufriedener und erfolgreicher eingeschätzt. Die dadurch verletzten Selbstwertgefühle führen zu Depression, Angst, nicht zu genügen, Minderwertigkeitsgefühlen und somit zu Stress, der die Haut verschlechtert. Wir sind eine berührungsfeindliche Welt geworden und schlagen uns mit Ersatzbefriedigungen durch unser Leben.

    Vieles hat sich somit in der Welt verändert, die Menschen sind anders geworden, … auch die Dermatologen, aber auch die Brennpunkte der Dermatologie. Waren es früher in der Hautklinik die Patienten mit Psoriasis, atoxischem Ekzem, Ulcera und den hochinteressanten Dermatosen, so dominiert heute die Hautkrebsvorsorge mit nachfolgenden Operationen den Alltag. Melanome und Basaliome, Spinaliome und aktinsche Keratosen bestimmen den Alltag des Dermatologen.

    Daneben haben sich in Kliniken wie in Praxen Behandlungen zur Therapie der menschlichen Benutzeroberfläche etabliert. Von Fraxel über Botox und Hyaluron bis hin zur dekorativen Kosmetik in Instituten findet sich ein weiter Bogen an gewerblichen und IGel-Leistungen. Der Arzt als Dienstleister, der Arzt als Beauty-Manager, der Arzt als Erfüller aller Schönheitswahn-Wünsche.

    Verloren die Andrologie die Röntgen-Therapie, verloren die Fachkenntnis der Galenik und so vieles andere mehr. Was wird noch gehen müssen aus unserem breiten Spektrum? Die Autoimmunkrankheiten an die Rheumatologen, die Allergologie an die HNO-Kollegen, … die jetzigen Dermatologen entscheiden es nur noch rudimentär mit.

    Zu groß ist die Kluft zwischen Klinik und Praxis, was die jeweiligen Interessen anbetrifft, divid et impera funktioniert von Seiten der Verwaltungen und der Kostenträger bestens… Wieso sollten verschiedene Gruppen auf einmal eine gemeinsame Meinung und partnerschaftliche Abstimmung haben? Also weiter so, immer weiter. Jeder für sich ein Einzelkämpfer, der stärkere ist vorn und der stärkere verdient am besten.

    Aber halten Sie bitte kurz ein und Luft, da gibt es auch noch einen ganz wichtigen und essenziellen Faktor: den Patienten. Mal Hand aufs Herz, wie viel Zeit haben Ärzte noch für ein offenes Ohr? Aktiv zuhören, dem Leidenden seelisch helfen: „Ich verstehe dich, ich sehe einen Zusammenhang deines psychischen Hintergrunds zu deiner Dermatose und kann dir helfen.“ War es nicht anfänglich das, was uns zur Medizin zog? Sind wir uns treu geblieben? Was lassen wir aus uns machen? Wo stehen wir, wer sind wir – jeder Einzelne – im medizinischen (Un)Wesen geworden?

    Ich blicke mit kritischen Augen zurück… Aber wer kann an welcher Stelle etwas ändern? Wohl nur jeder Einzelne für sich, damit man abends mit der Dame oder dem Herrn im Spiegel zufrieden auf den Arbeitstag zurücsehen kann. Ein Hoch auf diejenigen, die schon immer alles „richtig“ gemacht haben. Alle anderen will ich ein wenig berühren.

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